Zufall mit System

Wer sich in einer fremden Stadt orientieren will, dessen Blick hält sich eher an architektonische Zeichen denn an all die Emsigen und Eiligen, die durch die Strassen fluten. Das führt mitunter dazu, dass wir die Menschen in der Fremde weniger scharf wahrnehmen als in unserer vertrauten Heimat, wo uns die Orientierung leichter fällt. Dass wir deshalb in der Fremde auch "fremd bleiben", scheint die Überzeugung der Bieler Photographin Tiziana de Silvestro (1956) zu sein.
In ihrer aktuellen Ausstellung im Photoforurn PasquArt zeigt sie Bilder aus Grossstädten, die stets nach derselben Strategie aufgenommen wurden: Mit weit offener Blende hat sie aus einer Menschenmenge heraus auf Architekturen und andere mögliche Orientierungszeichen der Stadt fokussiert. Mit dem Resultat, dass uns auf all ihren Bildern «unscharfe» Passanten im Vordergrund mehr oder weniger stark den Blick auf die gestochen scharf abgebildeten Motive im Hintergrund verstellen.
Die Menschen sind also hier im wörtlichen Sinne aus dem Fokus gerückt. Wahrend wir uns allerdings beim Gang durch unbekanntes Terrain gar nicht bewusst sind, dass uns die Menschen um uns herum aus dem Schärfenbereich gerückt sind, passiert uns vor diesen Fotos genau das Gegenteil. Da unser Auge immer verführt ist, wenn sich ihm etwas entziehen will, interessieren uns die «unscharfen» Menschen un Vordergrund bald mehr als die Architekturen dahinter. Dass uns Menschen zufällig «ins Bild laufen», das kennen wir wohl aus eigener Erfahrung: Manchmal ärgem wir uns, dass wir das Portal von Autun nicht in einsamer Grossartigkeit auf den Fllm haben bannen können, manchmal aber üben diese Zufälligkeiten eine seltsame Faszination auf uns aus. Roland Barthes hat sie als das «Punctum» einer Foto bezeichnet. Was aber geschieht, wenn das Zufällige, wie bei De Silvestro, zum System erhoben wird?

Neue Zürcher Zeitung, 9.3.200

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