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«Kunst Werk Körper»
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Die Fotografien in der Ausstellung in der Glyptothek München
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Eine Auswahl an Fotografien aus dem Buch
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Einleitungstexte aus dem Buch «Kunst Werk Körper»

Tiziana De Silvestro in der Glyptothek

Wenn eine moderne Fotografin wie Tiziana De Silvestro in der Münchner Glyptothek fotagraflert hat, so fragt man sich zunächst, wie sie da hingefunden hat. Offenbar hat sie sich von den hohen Stufen des Gebäudes und den aufragenden Säulen des tempelartigen Eingangs nicht einschüchtern lassen und sich nicht von Bildungsballast bedrückt gefühlt. Mit dem Eintreten wird der Bann gebrochen gewesen und jede Schwellenangst vor dem angeblichen Musentempel ganz und gar überflüssig erschienen sein.

So geht es vielen Besuchern, die zum ersten Mal kommen. Denn während der Aussenbau eine eher respektgebietende Sprache spricht, erscheint das Innere der Glyptothek heute bei aller Monumentalität von einer geradezu klassischen Einfachheit, die zum ungezwungenen Wandeln unter den Marmoren einlädt. Bombentreffer haben im letzten Krieg Gewölbe einstürzen lassen, und Wasserschäden haben nach dem Brand des Dachstuhis über Jahre hin die Ausstattung von Stukkaturen, Fresken, bunten Wänden und Marmorböden vergehen lassen. Gottlob wurde dann erreicht, dass hinter den alten Fassaden nicht wie andernorts erbärmliche Provisorien oder brutale Fremdkörper entstanden - man denke nur an das Museum Fridericianum in Kassel oder an Schinkels Altes Museum in Berlin. Dank der Qualität von Klenzes Ziegelwänden konnte die Grundstruktur der Räume wiederhergestellt werden, und der Verlust des klassizistischen Dekors erlaubte eine rhythmisch freie Neuaufstellung der Skulpturen, die diesen eine eigenständige räumliche Entfaltung ermöglicht.

Das ist gewissermassen die Bühne, auf der sich auch die Besucher bewegen - schauen, staunen, lernen und sich inspirieren lassen. Da verwundert es überhaupt nicht, dass auch Fotografen ihre Blickpunkte finden: Verena von Gagern hat über zwei Jahre hin und zu allen Jahreszeiten den Einfall des Sonnenlichts verfolgt und sein Spiel mit den plastischen Formen der Skulpturen und den Flächen und Linien der Architektur festgehalten. Albrecht Ohly hat seinen Blick auf die Körperlichkeit der Gestalten, auf ihre Siegerposen wie auf ihre Wunden gerichtet.

Tiziana De Silvestro sucht nicht Brüche, Wunden und Versehrungen. Sie hat hoch ästhetisch am lebenden Körper wie an der Skulptur den Ausschnitt im Visier und erkennt in den Körperfragmenten das Kunstwerk des Körpers. Wie seltsam sich Darstellungsinhalt und Wissen, Anschauung und Sehweise überschneiden können!

Klaus Vierneisel, Direktor der Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek München

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Fotografische Skulpturen mit Licht modelliert

Unsere erste Begegnung war zufällig. Tiziana De Silvestro war damals als Reportagefotografin unterwegs. Ihrer Beständigkeit und Konstanz, mit der sie Menschen entgegenkommt, ist es zu verdanken, dass sich unsere Wege seither immer wieder gekreuzt haben. Ihr Fotoprojekt, an dem sie seit nunmehr vier Jahren arbeitet und das in diesem Buch erstmals vorgestellt wird, ist nur ein Beispiel dafür, wie konsequent Tiziana De Silvestro ihren Weg geht. In diesen sehr persönlichen Aufnahmen ist sie dem Mann auf den Leib gerückt, ohne in Voyeurismus abzufallen.

Ihre Bilder bewahren eine Aura der Distanz und Unberührbarkeit. Auf der Suche nach der idealen, zeitlosen Form, wählt Tiziana De Silvestro enge Bildausschnitte und reduziert den Körper auf ein Fragment. Körperdetails und ausgesprochen männliche Attribute spielen eine wichtige Rolle. Körperhaare, Muskeln, ausgeprägte Venen, eine grobe Hautstruktur sind Merkmale, die sie mit ihrer Kunst-Fotografie herausspürt und mit Licht modelliert.

Ihre Bilder konfrontiert Tiziana De Silvestro mit ihren fotografischen Fragmenten von Figuren und Statuen aus der Kunstgeschichte vergangener Zeiten und es ist, als erwecke sie diese für einen flüchtigen Augenblick zu neuem Leben. Ihr Gespür für Beleuchtung, ihr künstlerisches Empfinden für die Wirkung des Lichts und wie sie ihre Modelle in Szene setzt, eröffnen das Spiel zwischen Vergänglichkeit und Konservierung, Experiment und Tradition, Zeigen und Verschweigen und bewahren die höchst formalisierten Bildkompositionen davor, sich in Technik und Aesthetik zu erschöpfen. Die Konfrontation der beiden Welten offenbart deren Reichtum und verstärkt die erzählerische Fülle jedes einzelnen Bildes.

Tiziana De Silvestro ist stark von der Malerei und Bildhauerei inspiriert. Die Fotografle bleibt aber ihr Ausdrucksmittel, nicht zuletzt deshalb, weil sie den Schleier der malerischen und bildhauerischen Uberformung entfernt und für sich die Wirklichkeit des Abgebildeten in Anspruch nimmt. Doch was ist wirklich? Ist es der leblose Stein, das einstmals lebendige Abbild oder die Fotografie, die die Strukturen und in Stein erstarrte Gestalt mit Leben auflädt, zum Leben erweckt? Diese präzise und offene Bildiormulierung ist es, was die Kunst letztlich ausmacht.

Tiziana De Silvestro ist eine Perfektionistin. Eine mit viel Geduid und Ausdauer. Eine auch die ihren Weg konsequent verfolgt. "Seinen persönlichen Weg zu gehen, ist nicht immer leicht", gesteht sie, "das ist keine abstrakte intellektuelle Sache, keine kühle Angelegenheit. Viele Zweifel kommen da an den Tag." So erstaunt es nicht, dass sie sich oft und lange im Labor aufhält, bis sich in ihren Bildern diese Sinalichkeit und Qualität offenbaren
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Beatrice Schmidt, Kultur-Journalistin, Biel

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