BaslerMagazin, Nr. 35, 1. September 2001

Tiziana De Silvestro: Nähe und Ferne

Fotografie und Stadt – Hier erinnern wir uns vielleicht zuerst an «Le Baiser», den Kuss, ROBERT DOISNEAUS Ikone der Stadtfotografie. Die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit einer Strassenszene, eine einmalige Konstellation, und der Hauch einer intimen Berührung machen dieses Bild zu einem Paradigma. Die Fotografie mit der ihr eigenen zeitlichen Diskontinnität - also dem Einfrieren des Zeitablaufs während der Verschlusszeit - tritt in ein wunderbares Spannungsverhältnis zur rastlosen städtischen Lebenswelt. Etwas wird festgehalten, was sich vor der Bildnahme kumuliert hat und danach wiederum rasant verändert. Zudem ist die fotografische Dokumentation von Stadtleben und die Entwicklung der dazu benötigten Technik historisch eng verknüpft mit dem Wachsen und Werden der modernen Metropolen.

Gestern und heute – Wir reden, wohlverstanden, von Strassenbildern. Einige wenige Beispiele aus der Fotogeschichte: EUGENE ATGET schuf ein sozial couragiertes Charakterbild von Paris, JOHN THOMSON eines von London, WALKER EVANS sah ein dynamisiertes New York. Die fast stoische Qualität des Ländlichen steht im Gegensatz zu jeder Szenerie aus Menschen, die die Gehsteige bewandern. «Die Masse» erhält hier eine Qualität des Momentanen, die noch in der Gegenwartsfotografie geschätzt wird. Ein prominenteres Beispiel dafür ist PHILIP-LORCA DICORCIA.

Stadt und Blick – Doch was sehen wir im öffentlichen Raum einer Stadt wirklich, fragt sich die Bieler Fotografin TIZIANA DE SILVESTRO, deren Serie «Fremd bleiben» dieses Portfolio ziert. Was sehen wir mit den Augen eines Fremden? Diesen an sich einfachen Gedanken verfolgte sie konsequent in den letzten Jahren in London, Las Vegas, Bilbao oder Las Palmas - und mit dem Ergebnis stellt sie etwas in Frage, woran wir uns längst gewöhnt haben. Folgendes sei behauptet: in einer vertrauten Umgebung, unserer Heimat, während Stadtquerungen können wir uns auf die einzelnen Gesichter konzentrieren und die Passanten genauer voneinander unterscheiden. In der Fremde aber ist unser Blick meist woanders hin gerichtet. Wir machen uns von den vorüber gehenden Menschen selten ein exaktes Bild und unterscheiden höchstens zwischen den Geschlechtern. Unsere Blicke dienen primär der Orientierung. Architektonische Landmarks helfen bei der Ortsbestimmung, Menschen nicht. Sie irritieren uns höchstens, besonders in grosser Zahl und Dichte, als Masse.

Menschenraster – Sehen wir uns die Bilder aus anderer Perspektive an, so bemerken wir auch, wie sehr unser Leben in Städten von ganzen Symbol-, Zeichen- und Formenwäldern geprägt ist, wie sehr sie unser Verhalten bestimmen. Wir setzen uns in Bewegung, wenn die Ampel auf Grün steht, halten bei Rot und gehen in der Regel die für uns vorbestimmten Wege. Das Raster ist eng, das Vorgeschriebene und -gezeichnete mannigfaltig. Zu unserem Schutz, natürlich. Und genau das zeigen Tiziana De Silvestros Bilder auch: Wie der Stadtmensch konditioniert wird und wie er sich aus eigenem lebenserhaltenden Interesse auch willig oder unwillig führen lässt.

Zwischerräume – einen Teil der Bewegungsfreiheit erhalten wir zwischen den Baulücken. Oder, anders gesagt: Innerhalb der Architektur und dem Städtebau wird uns ein beschränkter Lebensraum zugedacht. Wo sich nichts erhebt, da dürfen wir sein. Bisweilen können grosse Architekturformen erdrückende Kraft ausüben.

Nähe und Distanz (I) – Im doppelten Sinn erhellen die Fotografien auch das Verhältnis von Nähe und Distanz. Grosse Blendenöffnungen und die dadurch bedingte klare Schärfendistinktion helfen uns den Vordergrund (die Menschen) vom Hintergrund (den Artefakten) abzugrenzen. Die semantische Definition lässt keine Zweifel: Vorne ist das, was einem bestimmten Referenzpunkt (hier: der Fotografin) näher ist als etwas anderes, hinten ist im Bezug zu diesem Punkt weiter entfernt. Doch die bewusste Unschärfe in Tiziana De Silvestros Fotografien lässt uns über eine weitere Dimension der beiden Begriffe «vorne» und «hinten» nachdenken: Es gilt zu hinterfragen, weshalb das, was im Vordergrund ist, meist wichtiger ist und weshalb Ferne nur dann eine positive Konnotation erfährt, wenn sie mit Sehnsüchten verbunden ist (Meer, Schlösser, Wälder) und nicht mit einem Zielpunkt, der notwendigerweise erreicht werden muss. Mit ihrer Arbeit nimmt uns die Bieler Fotografin zwar einen wichtigen Teil unserer Augenarbeit - nämlich das Fokussieren - ab, gleichzeitig bürdet sie uns diese neue Denkarbeit auf.

Nahe und Distanz (II) – Schliesslich geht es auch um emotionale Distanz. Mit Fremdsein ist geistige Ferne gemeint. Ein Fotograf ist immer «jenseitig», also auf der anderen Seite der Kamera und des Bildes, so sehr er mit formalen und technischen Massnahmen auch eine Brücke zu schlagen sucht. Trotz close-ups bleibt die Distanz. Er übertüncht mit dieser vermeintlichen Nähe nicht zuletzt sein eigenes Fremdsein.

Diskretion in der Unschärfe – Insofern haben wir selten ehrlichere noch diskretere Städtebilder als die von Tiziana De Silvestro gesehen. Ihr Blick ist der einer Fremden auf Fremde, der einer gewissen Verweigerungshaltung nicht entbehrt. Details zu den unbekannten Stadtwanderern werden uns vorenthalten. Dieses Schemenhafte ist wohltuend, denn heutzutage ist es um die Privatsphäre im Sinn eines vom öffentlichen Machteinfluss abgetrennten Raumes nicht sonderlich gut bestellt. Besonders in den Städten: Kameras überall.

Text: Patrick Marcoll

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