«Maria»

Meine Mutter Maria – ein etwas anderes Marienbild

 
   
  26 Inkjetprints s/w, Goldrahmen


 
   
  „fatto a mano“ (Handarbeit), Wolle gestrickt, Holzrahmen
„manodopera” (Arbeitskraft), Inkjetprint
 
 
«Meine Mutter Maria – ein etwas anderes Marienbild»

Eine Lichtgestalt ist sie – die vor allem im katholischen Glauben verehrte Madonna. Eine Trösterin und Behüterin, die hilft, die kleineren und grösseren Nöte des Alltags zu bewältigen. Die jungfräuliche Mutter, die in zahllosen Statuen und Bildnissen als leicht entrückte Schönheit dargestellt wird, die allen, die sie anbeten, hilft. Und das ohne einen Finger krumm zu machen.

Wie schafft die Madonna das? Während die irdischen Mütter kaum einen Moment finden, um ihre Hände ruhen zu lassen. Unentwegt sind sie beschäftigt. Sie waschen und putzen und kochen. Sie tun all die kleinen und grossen Arbeiten, die, einmal erledigt, am nächsten Morgen erneut getan werden wollen. Und sie haben trotzdem immer noch Zeit für ein tröstendes Wort, ein aufmunterndes Lob oder auch mal einen kleinen Tadel.

«Meine Mutter Maria – ein etwas anderes Marienbild» ist ein «Altarbild» für eine Madonna des Alltagslebens. Für eine ganz und gar irdische Mutter, die Trösterin und Behüterin war und vor allem Macherin und Motor des Familienlebens und des Haushalts. Und deren Hände niemals ruhten.

In einem Arrangement aus vielen kleineren Bilderrahmen, zeigt dieses«Altarbild» die Mutter Maria als tätige Frau beim Kochen und Bettenmachen und Kinderhüten. Der goldene Glanz der Bilderrahmen erinnert an den Strahlenkranz der Himmelskönigin – und unterstreicht, wie wertvoll und wichtig die Arbeiten waren und sind, die von der irdischen Maria geleistet wurden.

Den Fotografien selbst ist die Konzentration anzusehen, die Hingabe, mit der Maria ihre Arbeit getan hat. Ganz gleich, ob es ums Kochen ging oder ums Waschen oder um das Bügeln von Hemden, Blusen, Kleidern: für eine irdische Maria reicht es nicht, es gut zu machen, wenn es besser gemacht werden könnte. Generationen von Frauen und Mädchen sind von diesem Gedanken geformt worden. Haben tagtäglich im Wettkampf mit sich selbst gelebt und gearbeitet. Und das alles mit einem Lächeln auf den Lippen. Hausarbeit ist Herzenssache. Ist Liebesdienst. Dient der Bequemlichkeit der anderen. Und definiert dabei, was Heimat ist. Die gestrickte Schweizer Fahne nimmt diesen Gedanken auf. Einen Gedanken der für Maria auch eine melancholische Note hatte: Sie kam aus Norditalien, und in ihrem Herzen blieb sie der italienischen Heimat verbunden. Umso wichtiger war das Zuhause als Heimat in der Fremde. Hausarbeit gestaltet diesen Ort, an dem man bei sich sein kann. Hausarbeit ölt auch die Scharniere des Wir. Konstruiert das, was wir Familie nennen und Kindheit. Und wird von all denen belächelt, die diese Hausarbeit nicht machen.

Auch von den Töchtern, die oft nicht verstehen, warum die Mutter soviel Energie verwendet auf das Reinigen und Aufräumen. Soviel Hingabe auf das Kochen des Mittagessens. Auf die unzähligen und unzählbar oft wiederholten Gesten, die den Geschmack der Kindheit erzeugen. Ein Geschmack, der einem immer bleibt. Im Guten wie im Schlechten. Der prägt für den Rest des Lebens, der immer die Vergleichsgrösse bleibt für alle neuen Geschmackserlebnisse. Das Gegenstück zur gestrickten Flagge bildet eine Aufnahme der strickenden Hände, die wie eine provokative Variante zu Dürers «Betenden Händen» wirkt. Das Gebet der irdischen Mutter Maria besteht aus Tätigkeit. Nicht nur sieht man den Händen die Arbeit an, die sie geleistet haben. Auch das Stricken als Freizeitbeschäftigung geschieht wieder im Dienste der anderen.

Mit «Meine Mutter Maria – ein etwas anderes Marienbild» erschafft Tiziana De Silvestro ein «Altarbild» für ihre Mutter Maria, die in diesem Jahr 100 ahre alt geworden wäre. Und sie spürt damit diesem unablässigen weiblichen Werken und Wirken nach, welches das familiäre Miteinander massgeblich gestaltet. Mit ihrer häuslichen Arbeit erschaffen Frauen und Mütter die Welt, in der ihre Kinder aufwachsen und eine erste Vorstellung davon entwickeln, wie das Leben funktioniert, die Familie, das Miteinander.

AH

 


Copyright © Tiziana De Silvestro