«FREEDOM AND LIBERTY»
2007 – 2010

 
   
   
   
   
   
   
   
   
 

Tiziana de Silvestro
*1956, Winterthur (CH)
lebt und arbeitet in Biel (CH) und London (GB)

Freedom und Liberty heissen die beiden Schiffe, die darauf warten, Sie an Bord willkommen zu heissen zu einer Kreuzfahrt des reinen Glücks ins Paradies der Freiheit! An Bord dieser schwimmenden Inseln mit ihren permanenten Partys tauchen die Passagiere in eine andere Raum-Zeit-Dimension ein.
Der Raum ist geschlossen und geschützt wie in einer erträumten Welt inmitten des unendlichen Blaus der Meere. Die Zeit wird angehalten und erlaubt so, den alltäglichen Lebensrhythmus zu durchbrechen.
Mit den Schwulen-Kreuzfahrten greift die Fotografin Tiziana de Silvestro (1) einerseits die lange Tradition der dionysischen Feste der Antike auf, wo das Glück im Erleben unmittelbaren Vergnügens besteht.
Andererseits erinnert das Motiv an die literarische Tradition der Narrenschiffe, bei denen in einer Art Porträtgalerie ganz bestimmte moralische, philosophische oder soziale Typen umrissen werden, welche zugleich Passagiere eines Schiffes sind. (2) Ausserdem sind die Kreuzfahrten ein typisches Phänomen unserer aktuellen Gesellschaft – einer Spektakel- und Freizeitgesellschaft, in welcher der «homo festivus» (3) einen Zustand konstanten Wohlbefindens und Amüsements zu erlangen sucht.
Die Künstlerin teilt durchaus den festlichen Elan der Menschen, die sie fotografiert. Fernab von jedem Voyeurismus, geben ihre Bilder nie gänzlich die Identität der Protagonisten preis, sondern zeigen bestimmte Details eines Körpers, hinter Sonnenbrillen verborgene Gesichter oder komplett verkleidete Männer. Die Künstlerin versucht auch nicht, diesen Kreuzfahrt-Typus auf soziologische Art zu dokumentieren
– vielmehr will sie Vorurteilen begegnen, die man angesichts dieser grossen Schwulentreffen haben könnte. Ihre Fotografien kommunizieren jene einzigartige Atmosphäre, die auf diesen Meeresreisen herrscht: Die Freude daran, sich zu bewegen, den eigenen, wunderbar muskelbepackten, tätowierten und manchmal sogar auch unansehnlichen Körper zu präsentieren. Das Spiel mit den Verkleidungen
und die Pracht der Kostüme. Die Grenzüberschreitung – ob individuelle, mentale Grenzen oder Grenzen der Zensur, die uns die aktuelle Gesellschaft auferlegt. Das Aufgeben jeglicher Zurückhaltung und der völlige Exzess in jeder Hinsicht. Das Zusammenspiel all dieser Bestandteile erzeugt ein Gefühl von Freiheit, Freude, Erfüllung und Glück. (Caroline Nicod)

(1) www.tizianadesilvestro.ch.
(2) Berühmtestes Beispiel für diese literarische Gattung ist Das Narrenschiff (1494) von Sebastian Brandt.
(3) Dieser Begriff stammt von Philippe Muray. Er hat damit die emblematische Figur des zeitgenössischen Menschen in seinem Werk Après l'Histoire (Muray 1999/2000) beschrieben.

 
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